Die fünfte Gewalt

flickr.com – Michael Bär (CC BY-SA 2.0)

Medien stehen unter Druck. Unantastbar waren sie in der parlamentarischen Demokratie nie. Die Spiegel-Affäre gilt als Parade-Beispiel für politischen Druck, der über das Zulässige hinausging. Man erinnert sich aber auch an die „Rotfunk“-Kampagne gegen den WDR, an ständige politische Einflussnahme über Rundfunkräte und sogar einen Telefonanruf eines Bundespräsidenten, der auf der Voicebox des Bild-Chefredakteurs landete. Trotzdem hatten sich die Medien in der alten Bundesrepublik den Ruf als vierte Gewalt im Staate erarbeitet. Der Spiegel galt eine Zeit lang als „Sturmgeschütz der Demokratie“.
Das ist vorbei. Seit einiger Zeit sind die Medien mächtig in der Defensive. Da ist die fortlaufende Denunziation von Rechtsaußen mit dem hämischen Begriff der „Lügenpresse“ (die AfD spricht gerne von „Systempresse“ und diffamiert damit in einem Atemzug die parlamentarisch demokratische Grundordnung mit).

Doch auch wirtschaftlicher Druck macht vielen Medien zu schaffen. Die Erlössituation vieler Printprodukte hat sich massiv verschlechtert. Zunächst wanderten Anzeigenkunden ins Internet ab, weil sie dort mehr Reichweite zu günstigeren Konditionen erzielten. 20 Jahre lang suchten Tageszeitungsverleger nach Geschäftsmodellen, mit denen sie journalistische Produkte trotz der Gratiskultur im Netz vermarkten konnten. Auf sinkende Auflagen ihrer papierneren Produkte reagierten sie mit Effizienzsteigerungen, Vertriebsoptimierung und immer wieder mit Kostensenkungen. Redaktionen wurden ausgedünnt, Korrespondentenstellen gestrichen, Verlage fusionierten. Mit drastischen Folgen für Recherchetiefe, Qualität und Meinungsvielfalt.

Diese Trends machen auch vor dem gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht Halt, deren Überleben weit weniger von Erlösmodellen abhängt als von gesellschaftlicher und politischer Akzeptanz. Die potenziellen Kunden reagieren rational. Warum für Information bezahlen, wenn ich im Netz mehr als genug umsonst erhalte. Der Siegeszug der großen Internetkonzerne, verschärft mit dem Aufkommen von Social Media, hat diese Trends beschleunigt und verschärft.

Jetzt haben wir eine neue Meinungsvielfalt, es gibt gar „alternative Fakten“. Jeder Mensch kann jederzeit ungeprüft alles ihm wichtig Erscheinende in die Welt hinausposaunen – ein Echo ist ihm gewiss, und sei es in der eigenen Filterblase. Eine neue „Macht und Einflusssphäre“ ist entstanden, eine fünfte Gewalt neben der Exekutive, der Judikative, der Legislative und dem traditionellen Journalismus. Diese fünfte Gewalt unendlich viele Gesichter. „Sie ist hässlich und grausam, klug und moralisch, mal am Gemeinwesen und einer funktionierenden Demokratie interessiert, dann wieder zerstörerisch“, schreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Mal tritt sie auf als enthemmter brutaler Mob, mal als politische Agitatoren, mal sind es zusammengerottete Trolle, „die einfach nur wüten, spotten, hassen und sich an der Reaktion auf ihre Aggression aufgeilen“ (Pörksen). Und natürlich gibt es auch die Idealisten, die Engagierten, die Aufrechten.

Die vielen verschiedenen Gruppen haben keine gemeinsame Ideologie, sondern nur die Plattform und die Kommunikationsmittel, die sie nutzen, nämlich soziale Netzwerke und Blogs, Wikis und Websites, Smartphones und schnelle Computer. Wenn die Gruppen sich zusammenrotten, entfalten sie Macht und erlangen Einfluss. Im guten und im schlechten Sinne – die Beispiele sind unzählig.
Und schon kann man eine neue Volte in der permanenten digitalen Revolution beobachten. PR-Söldner übernehmen den Kampf um Aufmerksamkeit, man kann Likes und Clicks kaufen, Fans und Follower vortäuschen, Masse suggerieren. Gefakte Accounts und Social Bots lassen sich wie Armeen im Kampf um kommunikative Meinungsmacht steuern und einsetzen.

Demokratie lebt von dem Prinzip der Macht auf Zeit, von der gegenseitigen Kontrolle, vom System des Checks and Balances. Deswegen ist es richtig, wenn der Gesellschaftsvertrag, der die Grundlage einer funktionierenden Demokratie bildet, ständig neu diskutiert und justiert wird. Der Staat hat begriffen, dass er tätig werden muss. Sucht aber noch nach geeigneten Wegen. Die Regulierung von Intermediären und virtuellen Plattformen ist schwierig, aber die Diskussion darüber schreitet voran. Gesetzesinitiativen gegen Hate-Speech und Fake News können nicht nur appellativen Charakter haben. Wie aber entfalten sie Wirkung, ohne Meinungsvielfalt, Pressefreiheit, den öffentlichen Diskurs mit zu beschädigen, den sie doch schützen wollen?
Nebenbei: Medienbildung ist wichtiger denn je. Doch die fünfte Gewalt lässt sich nicht allein durch Pädagogik zivilisieren. Die gesellschaftliche Debatte nimmt an Fahrt auf. Der Kampf um Machtanteile im System der Gewaltenteilung wird intensiver.
Entschieden ist noch nichts.

Der Mann, der den Papst zu Twitter brachte

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Eindrücke vom ersten katholischen Medienkongress

Ob die Veranstalter bewusst die Assoziation von der Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation hervorrufen („Mission Impossible“) oder nur eine alliterierende Modernisierung des Missionsbegriffs herstellen wollten, liegt allein im Auge des Beobachters. „Mission Medien“ lautete der Titel des ersten katholischen Medienkongresses Ende Oktober 2014 in Bonn, angekündigt wurden „Zukunftsszenarien kirchlicher Kommunikation“.

Die gab es weniger, dafür endlich so etwas wie einen Branchentreff kirchlicher und kirchennaher Kommunikationsexperten. Ins Funkhaus der Deutschen Welle in Bonn kamen fast alle mit Rang und Namen in der katholischen Medienarbeit, von Journalisten über Geschäftsführern bis hin zu ganzen Pressestellen, Verantwortlichen kirchlicher Medienarbeit und aus dem wichtigen Feld der Medienbildung. Ein naturgetreues Spiegelbild der heterogenen und oftmals zersplitterten katholischen Medienlandschaft.

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Mehr Medienkompetenz für Erwachsene

Ein Gast-Kommentar von Markus Lahrmann

Medien sind im Alltag permanent präsent. Wer von den Kids nicht mobil kommuniziert, gehört ab zehn oder elf Jahren nicht mehr dazu. In der Schule kein Referat ohne Wikipedia, ohne Computer kein Abitur. Es gibt kein Zurück in die Vormoderne. Ohne Internetzugang kein Facebook, kein WhatsApp, kein You Tube, kein Online-Gaming. Menschen mögen noch so arm sein – ein Fernseher, ein Radio, Zugang zum Netz, Musik „aus der Konserve“ gehören zu den Grundbedürfnissen des Lebens.

Wer sich mit Computern auskennt, hat bessere Berufschancen. Kein Vortrag ohne Beamer, kein Web-Auftritt ohne Video. Menue-gesteuerte Anleitungen muss man schon verstehen, wenn man sich am Automaten eine Bahnfahrkarte kaufen will. Wir kommunizieren über Medien, wir nutzen sie zur Information, zur Unterhaltung, zum Abschalten. Selbst beim Joggen hören wir Musik in freier Natur.

Wir alle nutzen Medien: ständig, variierend, ausdauernd, wiederholt, intensiv.
Was ist falsch an exzessiver Mediennutzung?
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Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen?

Im Februar diesen Jahres legte Marc Zuckerberg 19 Milliarden US-Dollar auf den Tisch um WhatsApp zu kaufen. Eine App, die wenig mehr kann, als Texte von einem Smartphone zum anderen zu senden. Eine App, die wir ein Jahr kostenlos und dann für weniger als einen Euro im Jahr nutzen können. Warum ist Marc Zuckerberg diese App so viel Wert? Welche Hoffnung verbindet er mit der Firmenübernahme? Ist er wirklich nur an einem finanziellen Porfit interessiert?

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Oh AUGENBLICK – Verweile doch, …

Mögen Sie den deutschen Film? Und wie sieht es mit Kurzfilmen aus? Darf es ruhig neunzig Minuten lang abwechselnd traurig, nachdenklich, lustig, fröhlich und durchgängig überraschend sein?

Wenn Sie alle drei Fragen mit „Ja“ beantworten können, darf ich Ihnen die diesjährigen „AUGENBLICKE Kurzfilm im Kino“ besonders ans Herz legen.

10 Filme – 6 Juroren – 200 Veranstaltungen

Seit 1992 veranstaltet das Sekretariat Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz zusammen mit den diözesanen AV-Medienstellen, den Katholischen Bildungswerken und dem Katholischen Filmwerk das Kurzfilmfestival AUGENBLICKE. Einmal im Jahr wählt das Auswahlkomitee zehn Kurzfilme aus. Diese laufen dann ca. drei bis vier Monate bundesweit in verschiedenen Lichtspielhäusern; häufig umrahmt durch eine Anmoderation oder ein anschließendes Filmgespräch.

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JMStV reloaded!? Oder: Was soll das?

Der alte Grönemeyer-Titel kommt mir in den Sinn, da selbst der Begriff Verschlimmbesserung in Bezug auf den vorliegenden Neuentwurf eines Jugendmedienschutz-Staatsvertrages (JMStV-E) noch ein Euphemismus ist. Aber der Reihe nach …

Mit der letzten großen Neuregelung des Jugendschutzes wurden 2002 das Gesetz zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit (JÖSchG) von 1951 und das Gesetz über jugendgefährdende Schriften von 1953 im neuen Jugendschutzgesetz (JuSchG) zusammengefasst. Damit einher ging eine Neuregelung der Zuständigkeiten im Jugendmedienschutz: die sogenannten Trägermedien, also alle haptisch auf entsprechenden Datenträgern verfügbaren Medien, sind Sache des Bundes. Und Rundfunk und Telemedien – also auch der gesamte Online-Bereich – sind Sache der Länder. Letzteres wurde in einem formell eigenständigen, aber inhaltlich verzahnten Jugendmedienschutz-Staatsvertrag geregelt, der den Rundfunkstaatsvertrag von 1992 ersetzte.

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Können Sie sich bitte mal aufregen?

Selbstverständlich ist der alten und neuen Bundeskanzlerin zu einem überragenden Wahlergebnis zu gratulieren. Und gleichzeitig gibt es Grund zur Freude, dass es kein einfaches „Weiter wie gehabt“ geben kann, da sich die Parteienlandschaft im Umbruch befindet. Hoffentlich schafft das wieder Platz für Themen, die im Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt haben. Oder die scheinbar nur für eine Minderheit der Bürgerinnen und Bürger Grund zur Besorgnis sind.

Eines dieser Themen, das im Wahlkampf nur von den Piraten sowie ansatzweise von der FDP besetzt wurde, ist die NSA und ihre Aktivitäten. Sie erinnern sich: es gibt eine Einrichtung zur nationalen Sicherheit der USA, die deutsches und internationales Recht unter dem Vorzeichen sicherheitspolitischer Bedenken ignoriert. Und die nach Ansicht von Experten mehr über viele Bürgerinnen und Bürger auch in Deutschland weiß, als diese über sich selbst.
Nur: wo ist der Zorn auf eine Regierung, die diesem Treiben nicht umgehend und deutlich Einhalt gebietet? Wo ist der öffentliche Widerstand, wie er in den 1960er Jahren gegen die Notstandsgesetze oder in den 1980ern gegen die Volkszählung organisiert wurde? Wo bleibt das kollektive digitale wie analoge „Gefällt mir nicht“? „Können Sie sich bitte mal aufregen?“ weiterlesen

Quantified Self: Vermessenes Ich

„Selbstoptimierung“, „Effizienzsteigerung“ und „Selbstmanagement“ – Krankheiten der Moderne? Mein „Play-Store“ offeriert mir hunderte von Apps, die diese Etiketten tragen. Ein Plus an Kontrolle über meinen Körper, meine Zeiteinteilung und alltägliche Aufgaben? Warum eigentlich (nicht)?

 Der Geist ist willig … (Mt 26,41)
„Feels like the world was on my shoulders“ singt mir Elayna Boyton um 06:00 Uhr ins Ohr. Ich schnüre meine Joggingschuhe zu und befestige umständlich mein Smartphone an meinem Arm. Nur noch eben das Runtastic-Programm starten. Die Pro-Version. Ja, ich möchte Bluetooth aktivieren. Mein neuestes Spielzeug, der Bluetooth-Pulsmesser, sitzt. GPS – läuft. Ob meine Freunde mich via „Livetracking“ beim Laufen begleiten sollen? Meine Freunde schlafen um 06:00 Uhr noch! Dann übernimmt Runtastic eben die Motivation: „Pulsbereich 1“, das entspricht dem Anfängergrad. Durchatmen, das Programm weiß es nicht besser zu honorieren, dass ich so früh aufgestanden bin, um bereits um diese Uhrzeit wichtige Körperdaten zu erheben: Schnelligkeit (in Minute/km),  Herzfrequenz und Kalorienverbrauch. „Quantified Self: Vermessenes Ich“ weiterlesen

Meine Frau, das digitale Zeitalter… und ich

Ich lebe schon seit längerem im Zeitalter der digitalen Dokumente. Es gibt quasi kein Schriftstück, das ich nicht in digitaler Form auf meinem Rechner oder Tablet ablege. Meine Frau ist da eher zwiegespalten: Sie findet es toll, dass man die Dokumente so komfortabel durchsuchen kann, ein fehlendes Schriftstück z.B. für die Steuererklärung ein fünftes Mal ausdrucken oder dem leicht angesäuerten Chef noch was zur Draufsicht per Mail zusenden kann.

Zwischenzeitlich scannt auch sie ihre Dokumente ein, hat sich ein eigenes (sofern man es so bezeichnen kann) Ablagesystem geschaffen und genießt die Vorzüge dieses „digitalen Arbeitens“. Aber einen eBook-Reader? Cloud? DropBox? Nein! Auf keinen Fall! Da braucht sie das gute alte bedruckte Papier zwischen den Fingern. Doch damit stößt sie jetzt an ihre Grenzen. „Meine Frau, das digitale Zeitalter… und ich“ weiterlesen

Stasi 2.0

„Die Ära von Privatsphäre ist vorbei!“ Halt! Stop! Hr. Zuckerberg, ich bin dagegen! Und dass die NSA möglicherweise meine E-Mails liest finde ich auch nicht gut! Aber mal von vorne: Was ist überhaupt Privatsphäre? Privatheit bedeutet für mich nicht, dass ich eine meterhohe Schutzmauer um mich herum aufbaue und keinen dahinter lasse. Vielmehr ist es die Freiheit zu entscheiden, wer wie weit in diesen Schutzraum eindringen darf.
Wenn ich bei facebook poste „Ich füttere meinen Hamster“ und keinerlei Gebrauch von den Privatsphäreeinstellungen mache, dann ist das alles andere als privat. Ich kann nicht mehr darüber entscheiden, wer diese Information liest und wer nicht. Schuld daran scheine nur ich selbst zu sein. „Stasi 2.0“ weiterlesen