Mehr Medienkompetenz für Erwachsene

Ein Gast-Kommentar von Markus Lahrmann

Medien sind im Alltag permanent präsent. Wer von den Kids nicht mobil kommuniziert, gehört ab zehn oder elf Jahren nicht mehr dazu. In der Schule kein Referat ohne Wikipedia, ohne Computer kein Abitur. Es gibt kein Zurück in die Vormoderne. Ohne Internetzugang kein Facebook, kein WhatsApp, kein You Tube, kein Online-Gaming. Menschen mögen noch so arm sein – ein Fernseher, ein Radio, Zugang zum Netz, Musik „aus der Konserve“ gehören zu den Grundbedürfnissen des Lebens.

Wer sich mit Computern auskennt, hat bessere Berufschancen. Kein Vortrag ohne Beamer, kein Web-Auftritt ohne Video. Menue-gesteuerte Anleitungen muss man schon verstehen, wenn man sich am Automaten eine Bahnfahrkarte kaufen will. Wir kommunizieren über Medien, wir nutzen sie zur Information, zur Unterhaltung, zum Abschalten. Selbst beim Joggen hören wir Musik in freier Natur.

Wir alle nutzen Medien: ständig, variierend, ausdauernd, wiederholt, intensiv.
Was ist falsch an exzessiver Mediennutzung?
Anders gefragt: was ist exzessiv?

Die Bilder stellen sich sofort ein: Der junge Mann, der im abgedunkelten Zimmer stundenlang vor dem PC sitzt. Neben sich leere Pizza-Kartons, verdrecktes Geschirr, auch der junge Mann „müffelt“ leicht. Voll konzentriert fixiert er den überdimensionalen Bildschirm, auf dem einschwer bewaffneter Soldat durch eine verwüstete Landschaft streift.

Das Kleinkind, das den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt, stundenlang den Blick nicht abwenden kann von dem bunten Geflimmer, dem rhythmischen Gequäke, schleichend infiltriert von subtilen (Werbe-)Botschaften.

Die Teenies, die in schneller Taktung das Handy aus der engen Jeanshose ziehen, einen Blick darauf werfen und mit dem rasenden Daumen ein paar Zeichen eintippen.

Es ist längst unbestritten, dass exzessive Mediennutzung schädlich sein kann bis hin zu Abhängigkeiten und Persönlichkeitsveränderungen. Die Wissenschaft unterscheidet ein Kontinuum zwischen normaler, leidenschaftlicher, problematischer und pathologischer Nutzung.

Aber Kinder und Jugendliche nutzen die gleichen Medien wie die Erwachsenen. Sie tun es spielerischer, manchmal mit mehr Leidenschaft, manche geben sich den Medien mehr hin, manche verlieren sich dabei. Kinder und Jugendliche nutzen Medien nicht so häufig lediglich als Mittel zu etwas (Präsentation, Recherche, aktive Entspannung), sie verlieren manchmal Maß und Ziel. Das ist ihr gutes Recht, es gehört zum Erwachsen-Werden dazu. Sie müssen irgendwann selbst spüren können, was ihnen gut tut und was schadet.

Gute Eltern, Lehrer, Erzieher helfen ihnen dabei,

  • indem sie Vorbild sind.
  • indem sie Mediennutzung gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen analysieren und reflektieren.
  • indem sie Regeln und Vereinbarungen mit den Kindern verabreden und sich auch nicht scheuen, Grenzen einseitig zu ziehen, wenn gemeinsame Vereinbarungen gerade mal nicht möglich sind.

Es ist eine Frage von Engagement, kommunikativer Kompetenz, technischen Fähigkeiten und Medienkompetenz. Wer hier nach dem Staat ruft, nach Gesetzen und Filtern, der verkennt, dass Medienerziehung zu den ur-eigensten Aufgaben von Eltern (und dann auch Erziehern) gehört. Denn Mediennutzung findet zuerst und am häufigsten zuhause statt. Hier wird die Grundlage für verantwortliches Handeln gelegt, ständig überprüft und neu erprobt.

Eltern und Erzieher müssen also zunächst überhaupt wissen, wieviel Zeit ihre Kinder vor bzw. mit dem jeweiligen Medium verbringen. Sie müssen grundsätzlich wissen, welche Inhalte konsumiert werden. Sie müssen bereit sein, sich mit diesen Inhalten auseinanderzusetzen. Sie müssen sich den Bildern aussetzen, die Sprache verstehen, bewerten und im Kontext einordnen können.

Sie müssen mit ihren Kindern reden, sie ernst nehmen, ihnen vertrauen, aber sie müssen auch in der Lage sein, in Verantwortung für ihre Kinder eine Unterscheidung zu treffen zwischen leidenschaftlicher Mediennutzung und obsessiver Mediennutzung.

Bei jüngeren Kindern hilft es, die tägliche und wöchentliche Zeit des Fernsehens zu reglementieren – und in Form einer schriftlichen Vereinbarung die Absprachen zu dokumentieren. (Das hilft auch den Kindern, selbstbewusste Entscheidungen für oder gegen bestimmte Sendungen zu treffen.)

Bei Jugendlichen müssen sich Eltern manchmal gar die Mühe machen, den heimischen Rechner mit einem Passwort zu schützen, bestimmte Web-Seiten zu sperren, den häuslichen W-Lan-Router selbst so zu konfigurieren, dass für einzelne PCs zu bestimmten Zeiten der Internet-Zugriff gesperrt ist. Es ist nicht gesund, wenn der 15-Jährige in der Schulzeit regelmäßig nachts im Internet spielt.

Doch technische Kompetenz ist für Eltern und Pädagogen nur die eine Seite der notwendigen Medienkompetenz. Die andere Seite ist die Fähigkeit des Erziehers, Regeln und Vereinbarungen mit dem Gegenüber zu treffen – und trotzdem in emotionalem Kontakt mit ihm zu bleiben.

Medienkompetenz ist heute eine grundlegende Fähigkeit, um im modernen Leben zu bestehen. Eltern, Pädagogen müssen sie genauso erlernen wie ihre Kinder.

 

Markus Lahrmann ist Vorstandmitglied der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz in NRW und Chefredakteur der Zeitschrift „caritas in NRW“.

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