Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen?

Im Februar diesen Jahres legte Marc Zuckerberg 19 Milliarden US-Dollar auf den Tisch um WhatsApp zu kaufen. Eine App, die wenig mehr kann, als Texte von einem Smartphone zum anderen zu senden. Eine App, die wir ein Jahr kostenlos und dann für weniger als einen Euro im Jahr nutzen können. Warum ist Marc Zuckerberg diese App so viel Wert? Welche Hoffnung verbindet er mit der Firmenübernahme? Ist er wirklich nur an einem finanziellen Porfit interessiert?

Sein Interesse dürfte auch etwas anderem gelten – unseren Daten. Mit diesem Geschäft war das Thema „Datenschutz“ präsent, allerdings nicht zum ersten Mal. Geänderte Datenschutzrichtlinien und Veränderungen der Privatsphäre-Einstellungen von Facebook sorgten schon öfters für Aufschreie der Empörung. Bei den kurzen, meist auch sehr leisen Aufschreien aus der Bevölkerung blieb es aber auch. Klar, VertreterInnen der Medienpädagogik und –ethik machen einigen Lärm. Durchsetzen konnten sie sich bisher leider nicht. So richtig geändert hat sich dementsprechend – nichts!Auch der Milliarden-Deal hat unsere alltäglichen Kommunikationswege kaum beeinflusst: Mein Smartphone zählt 89 WhatsApp-Kontakte, aber nur 18 Kontakte bei Threema, einer Messaging-App, die Nachrichten verschlüsselt verschickt. Einem Freund von mir war die Übernahme von WhatsApp durch Facebook dann doch etwas unheimlich. WhatsApp nutzt er jetzt nicht mehr, facebook schon noch. Konsequenz geht irgendwie anders.

Soziale Netzwerke und Apps sind oftmals gratis, niemals aber umsonst. Zahlen wir nicht mit Geld, dann mit einer anderen Währung – mit unseren Daten. Es ist schon mehr als ein Horrorszenario gemalt worden, wohin das einmal führen kann bzw. schon jetzt führt. Den Überblick über dieses Mosaik, das aus unzählig vielen Teilchen besteht, haben nur die Wenigsten. Aber ich wage zu behaupten, dass viele schon mal wenigsten einen dieser kleinen, leisen Aufschreie der Empörung gehört haben. Den Aufschreienden wird dann meistens stumm zugestimmt, aber selten mitgeschrien.

Geht es um possierliche Tierchen wie den Juchtenkäfer oder den Mauerahlenläufer, die vom Aussterben bedroht sind, finden sich schnell willige Spender. Und diese Tiere bremsen oder verhindern Bauprojekte – zu Recht! Netzpolitik hingegen scheint immer noch ein Nischenthema zu sein und die, die sich dort engagieren, sind chronisch unterfinanziert. Aber warum? Bedeuten uns unsere eigenen Daten weniger als der Tierschutz?

Erklärungsversuch Nr. 1: Unsere Lebenswelt wird zunehmend komplexer und damit gibt es immer mehr Dinge, für die wir uns einsetzen könnten, wollen oder vielleicht auch sollten. Um den Überblick zu behalten und Prioritäten zu setzen, braucht es u.a. ein gutes Informations- und Wissensmanagement. Um dann etwas zu tun, bedarf es Durchhalte- und Organisationsvermögen und Veränderungswillen.
Gleichzeitig fühlen wir uns aufgrund eben dieser komplexen und globalisierten Lebenswelt handlungsunfähig. Was kann ich alleine schon erreichen? Was ändert sich, wenn ich bei einer Demo meinen Unmut kundtue? Unser Handeln wird zunehmend entpolitisiert. Große Protestaktionen wie der Volkszählungsboykott 1987 waren einmal.

Erklärungsversuch Nr. 2: Das Zirkuspony auf der Zeil in Frankfurt kann ich streicheln, nachdem ich für es gespendet habe. Das Internet kann ich nicht anfassen. Es tut auch nicht weh. Wird mein Adressbuch durchforstet, bekomme ich davon keine blauen Flecken. Verschenke ich die Rechte an meinen Bildern an Facebook, löst das keinen Schnupfen aus. Und krebserregende Wirkungen werden Apps auch nicht nachgesagt. Noch treffen uns die Folgen dieser Problematik nicht. Bauchschmerzen bekomme ich beim Grübeln über das, was da vor sich geht, aber doch.

Erklärungsversuch Nr. 3: Warum eine App namens „Taschenlampe“ auf Anrufinformationen zugreifen möchte, ist mir unbegreiflich. Es gibt durchaus Apps mit der gleichen Funktion, die auch nur das können, was sie sollen: leuchten. Aber diese sind meistens nicht gleich der erste Treffer bei meiner Suche im App-Store. Um eine informierte Entscheidung zu treffen muss ich mir eben drei, vier, fünf Apps näher anschauen. Ein bisschen aufwendig ist das, aber das ist mir meine Privatsphäre wert.

Bei Sozialen Netzwerken ist das schon deutlich umständlicher. Soziale Netzwerke machen eben erst dann Sinn, wenn ich dort auch soziale Kontakte habe. Das Open Source Social Network „Diaspora“ macht seinem Namen leider alle Ehre: Wer dort Mitglied ist, gehört einer Minderheit an. Von meinen 342 facebook-Freunden finde ich dort keinen einzigen. Anstatt aber unter eben diesen eine Exodus-Stimmung zu verbreiten, verlasse ich Diaspora und beuge mich dem Mainstream. Warum? Bitte lesen Sie Erklärungsversuch Nr. 1 und 2.

Mindestens diese drei Gründe dürften für unser Nichtstun verantwortlich sein. Die Lösung? Ein einfaches Patentrezept habe ich leider nicht zur Hand, ich habe auch noch von keinem gehört. Aber ich habe gerade einen Ohrwurm von einem Lied aus Kindertagen: „Viele kleine Leute….“

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